Was sollen denn die Anderen denken und wie mir das mehr egal sein kann

Als ich mich auf meinen Weg in Sachen „Erziehung“ gemacht habe, da war ja klar, dass dies im Außen beziehungsweise in meinem direkten Umfeld Reaktionen und Kritik auslösen würde. Es ist ja so anders. Irgendwie. So fremd. So jenseits herkömmlicher und anerkannter Erziehungsstile und -methoden.

Warum ich das Wort „Erziehung“ in Anführungszeichen setze? Weil Erziehung im Zusammenleben mit meinen Kindern für mich keine große Rolle spielt. Beziehung, Bindung, Bedürfnisse, Sich-wohl-miteinander-fühlen, Auf-Augenhöhe-sein – das sind eher meine Schlagwörter. Werte vermitteln durch Vorleben. Gehorsam gar nicht erst erwarten. Der tiefe Wunsch meine Kinder so anzunehmen und so sein zu lassen, wie sie bereits sind und sie nicht durch Erziehung erst zu Jemandem machen zu müssen oder dazu zu bringen so zu sein, wie ich sie gerne hätte.

Und so tastete ich mich in den vergangenen Jahren Schritt für Schritt vor in Sachen beziehungsorientierte Elternschaft. Es gab viele Situationen, die von Hilflosigkeit und Verzweiflung geprägt waren und wo mir schlicht Handlungsalternativen fehlten. In eigenen Handlungsmustern gefangen und ahnungslos darüber, wie es denn anders gehen könnte.

Und dann immer wieder der Gedanke „Was sollen denn die Anderen denken?“ Klar. Ich hatte ja gelernt in unserer Gesellschaft gut zu funktionieren. Mich anzupassen. Brav zu sein. Ein liebes Mädchen. Das macht Erziehung mit uns. Und wenn du eben immer das sein willst (dieses gute Mädchen), dann funktionierst du für „die Anderen“ und bist nicht wirklich du selbst. Und wenn sich aber dann plötzlich im Bezug auf dein SEIN etwas löst und du einfach nicht mehr länger nur für „die Anderen“ gut sein willst, weil du tief in dir spürst, dass DU so, wie DU bist – einfach DU – bereits gut bist und du dich nicht länger verbiegen willst und dann auf einmal anfängst auf deine innere Stimme, dein Herz und deine Intuition zu hören, dann kommen diese Gedanken automatisch. „Was denken die Anderen?“, denn schließlich war dein SEIN und dein Handeln fast ausschließlich davon geprägt und bestimmt.

Doch es fühlt sich so gut an das Einfach-ich-selbst-sein. So rein und so echt. So lebendig und so aufregend. So authentisch. Aber es ist auch oft sehr schmerzhaft. Immer wieder bei sich selbst hinzuschauen, die eigenen Gefühle wahrzunehmen und die dahinter liegenden Bedürfnisse zu erkennen und dann zu sehen, wie man damit umgeht und was man damit macht. Im Bezug auf sich selbst und im Bezug auf seine Beziehungen. Und wenn sich das alles so echt und so lebendig anfühlt, dann ist es doch letztlich egal, was die anderen denken, oder? Denn es ist ja sowieso klar, dass es auf diesem Weg kein zurück gibt, weil da so viele Quellen sprudeln, die es noch auszuschöpfen gilt.

Also, was mache ich, wenn mich doch mal wieder diese quälenden Gedanken heimsuchen, die geprägt durch meine Erfahrungen und meine Beziehungen nun mal einfach manchmal da sind?

Ich besinne mich einmal mehr auf mich. Ich schließe die Augen und atme ein und lasse diese Gedanken fließen. Ich nehme sie an, als einen Teil von mir. Sie dürfen da sein, denn sie führen mir auch immer wieder vor Augen, was ich wirklich will und was für MICH richtig ist. Ich kann innehalten und hinterfragen, ob ich noch auf dem rechten Weg bin. Ob ich vorbei gehe an sprudelnden Quellen und aus ihnen schöpfe oder ob ich vielleicht sogar ein- oder zweimal falsch abgebogen bin. Und wenn ich mir dann selbst die Bestätigung dafür geben kann, dass der Weg den ich gehe für mich gut ist, dann ist es mir ein bisschen mehr egal, was die anderen über mich denken. Denn ich bin gut, so wie ich bin. Und DU übrigens auch.

Der Trommler

Heute Morgen schaute ich ein Video an und ich bekam Gänsehaut. Auch im späteren Verlauf des Vormittages, wenn ich an den jungen Mann in dem Video dachte, bekam ich Gänsehaut.

Im Film ging es um einen kleinen Jungen, dem es schwer fiel sich in der Schule auf den Stoff, der dort verinnerlicht werden sollte, zu konzentrieren. Doch sein „Konzentrationsproblem“ war nicht das Schlimmste. Er konnte es einfach nicht sein lassen mit seinen Händen auf den Tisch zu klopfen, was seine Lehrer vor eine große Herausforderung stellte. Ständig ermahnten sie ihn und wiesen ihn zurecht, er solle das Tischklopfen doch bitte sein lassen. Der Junge war verzweifelt. Er versteckte seine Hände unter seinem Po, um so den Impuls des Klopfens zu unterdrücken, doch das war nicht sehr lange hilfreich und so fing er wieder an zu trommeln. Es kam wieder und wieder dazu, dass die Lehrer ihn der Klasse verwiesen, ihn ausgrenzten, weil sein Trommeln den Unterricht und auch einige seiner Mitschüler störte. Der Junge wurde immer trauriger. „Was ist nur falsch mit mir? dachte er insgeheim. Eines Tages nahm einer seiner Lehrer sich die Zeit für ein 4-Augen-Gespräch und er fragte den Jungen, ob er nicht einmal das Schlagzeugspielen ausprobieren wolle? Gesagt, getan. Der Mann, der im Video rückblickend seine Geschichte erzählt, ist heute ein Mensch, der seine Leidenschaft zum Beruf gemacht hat und dieses Lebensgefühl strahlt er auch aus. Er hatte in zweifacher Hinsicht Glück. Zum einen handelte er aus einem tiefen, inneren Impuls heraus und obwohl man ihn zunächst glauben ließ, dass etwas daran falsch sei und dass er aufgrund seines störenden Verhaltens „falsch“ sei, er schaffte es einfach nicht diesen unglaublich starken Impuls zu unterdrücken. Und dann begegnete er diesem einen Menschen, der das Besondere in diesem Jungen sah und der sich nicht nur auf das störende Verhalten fokussierte, sondern sich die Mühe machte dahinter zu blicken und verstehen wollte, was den Jungen dazu brachte auf den Tischen zu trommeln. Was wäre passiert, wenn er sein unerwünschtes Verhalten zu diesem Zeitpunkt bereits unterbunden, den starken inneren Antrieb unterdrückt hätte?

Wenn ich an unsere Bildungseinrichtungen denke, dann wünsche ich mir genau solche Menschen, wie diesen Lehrer, für unsere Kinder. Menschen, die sich dem Kind annehmen und das Besondere in jedem einzelnen sehen wollen. Menschen, die hinter „auffälliges“ Verhalten blicken, anstatt es zu verurteilen, zu kategorisieren und schlimmstenfalls zu bestrafen. Menschen, die sich öffnen können für das Sein der Kinder und deren intrinsische Motivation die Dinge zu tun, für die sie sich begeistern können.

Wenn ich unterwegs bin, dann treffe ich immer wieder auf Menschen, welche die offene Arbeit in unseren Kindertageseinrichtungen (keine geschlossenen Gruppen, sondern die Möglichkeit sich seinen Interessen entsprechend zu beschäftigen, zu bilden und zu sein, wo man sich wohlfühlt) aufs Schärfste kritisieren. „Die Kinder müssen doch vorbereitet werden auf das richtige Leben, da kann man schließlich auch nicht den ganzen Tag lang machen, was man will.“

Aber was ist denn das richtige Leben?

Ein Leben, in dem man seinem inneren Drang, Dinge zu tun, die einen glücklich machen und erfüllen, folgen kann und bestenfalls dann damit auch noch etwas für seinen Lebensunterhalt verdienen kann. Ziemlich geil, oder? Hört sich voll richtig an für mich.

Wenn der Drang des Jungen nicht so groß gewesen wäre… wenn er sich hätte „anders machen lassen“, passender und wünschenswerter für dieses überdimensional große System… wenn der Lehrer nicht gewesen wäre… sein Blick auf die Dinge, seine Haltung gegenüber diesem Kind…

Was würde der Mann heute tun? Wäre er glücklich? Wäre das richtig?

 

Bedürfnisorientiert zusammen leben – ein Definitionsversuch

Manch ein Leser wird sich jetzt vielleicht fragen, was das wohl für ein neumodischer Erziehungstrend sein soll, dabei geht es hierbei gar nicht um Methoden der Erziehung im ursprünglichen Sinne.

Es geht viel mehr darum eine Haltung einzunehmen. Es geht darum das Kind als vollwertigen, kompetenten Menschen zu sehen und es entsprechend zu behandeln und aus dieser Haltung heraus ein gleichwürdiges, von Respekt geprägtes Miteinander zu gestalten.

Und das bedeutet für mich…

…ganz viel Liebe und Annahme.

Es fängt mit uns selbst an. Können wir uns selbst lieben und annehmen, so, wie wir sind? Wenn ja, dann ist das eine gute Voraussetzung dies auch mit unseren Kindern zu tun und sie in der Sicherheit aufwachsen zu lassen, dass sie so, wie sie sind, gut sind. Da können wir meiner Meinung nach den Grundstein für Selbstliebe und Selbstvertrauen legen. Das bedeutet unter anderem auch sehr intensiv bei sich selbst hinzusehen und sich zunächst einmal mit seinen eigenen Gefühlen und Bedürfnissen zu verbinden. Klingt einfach. Ist es aber nicht.

…die Bedürfnisse aller Familienmitglieder in Einklang zu bringen. Weiterlesen…