2081 – Von der Wut und der Erziehung

Wir schreiben das Jahr 2081. An einem lauen Sommerabend sitzt ein Mann mit seiner Enkeltochter auf den warmen Stufen der Steintreppe eines Mehrgenerationenhauses, in dem die Beiden wohnen.

Opa, ich möchte dich etwas fragen?“

Ich beantworte dir gerne jede Frage, meine Kleine, so gut ich es kann!“

Opa, weißt du, warum Papa manchmal so wütend ist?“

Das ist keine leichte Frage und um sie zu beantworten brauche ich etwas Zeit. Es ist schon spät. Wann gehst du heute schlafen?“

Ich gehe schlafen, wenn ich müde bin, Opa.“

Und bist du denn schon müde?“

Ein wenig. Ich würde gerne noch deine Antwort hören und mich hinlegen, wenn wir unsere Unterhaltung beendet haben.“

Einverstanden. Wo soll ich anfangen…? Vor langer Zeit gab es die Erziehung.“

Erziehung? Was ist das?“

Ich versuche es mal so zu erklären, dass du es gut verstehen kannst. Das ist gar nicht so einfach. Als deine Eltern und davor deren Eltern noch Kinder waren, da wurden diese noch nicht als kompetente Menschen gesehen, denen man auf Augenhöhe begegnen wollte, sondern viel mehr als unfertige Wesen, die man formen und biegen muss, damit sie einmal wertvolle Mitglieder der Gesellschaft werden. Um dieses Ziel zu erreichen haben die Erwachsenen die Kinder erzogen.“

Und was bedeutet das genau? Was haben sie mit den Kindern gemacht?“

Sie haben ihnen beigebracht, wie sie sein sollen.“

Opa, das verstehe ich nicht. Beigebracht, wie sie sein sollen? Jeder Mensch ist doch bei seiner Geburt bereits so, wie er ist!“

Ja, das stimmt. So verstehen wir es heute. Damals hat man es anders gesehen. Erwachsene hatten eine bestimmte Vorstellung davon, wie die Kinder sein sollen und wie sie sich verhalten sollen, was gutes Benehmen ist und was sie tun und lassen müssen, um sich gut zu entwickeln und um gesund aufzuwachsen. Dabei haben die Großen vergessen, dass auch die kleinen Menschen bereits sehr kompetent sind und oftmals schon sehr gut selbst wissen, was gut für sie ist. Sie haben Bedürfnisse, die sie von Geburt an äußern.“

Meinst du damit zum Beispiel, dass ich etwas essen möchte oder Zeit zum Spielen brauche?“

Ja, das hast du genau richtig verstanden. Das sind deine Bedürfnisse. Du hast Hunger, brauchst die Nähe deiner Eltern und möchtest spielend die Welt erkunden oder schlafen, weil du müde bist. Je kleiner die Kinder sind, desto feinfühliger müssen die Erwachsenen sein, um diese Bedürfnisse zu erkennen und zu erfüllen. Wenn die Kinder größer werden und das Sprechen lernen, dann wird es einfacher. Je älter die Kinder werden, um so besser können sie mitteilen, was sie brauchen und was sie sich wünschen.“

Und was hat das alles mit Erziehung zu tun, Opa?“

Die Erwachsenen haben damals geglaubt, dass bestimmte Wünsche der Kinder nicht in Ordnung sind und nicht verstanden, welche Bedürfnisse dahinter stecken. Und dann haben sie die Kinder mit Erziehung dazu gebracht ihre eigenen Bedürfnisse und auch die damit einhergehenden Gefühle zu unterdrücken und sich so zu verhalten, wie die Großen es von ihnen erwartet haben.“

Ich weiß nicht, Opa. Das klingt alles so merkwürdig. Und was hat das jetzt mit Papa´s Wut zu tun?“

Die Erziehung hat aus Kindern funktionierende Menschen gemacht. Wer jedoch nur funktioniert kann leicht den Zugang zu seiner Gefühlswelt und den dahinter liegenden Bedürfnissen verlieren und wird dann schlimmstenfalls krank.

Deine Urgroßeltern hatten dies bereits erkannt und wollten deshalb lieber ohne Erziehung leben. Das war nicht so einfach, weil es immer noch viele Menschen gab, die an der Erziehung festhielten und weil tief in ihrem Inneren die alten Erziehungsmuster verankert waren, die sich aus ihrer eigenen Kindheit festgesetzt hatten. Sie gingen einen anderen, damals noch recht neuen Weg. Es gab viel zu lernen. Ihre Haltung gegenüber ihren Kindern, also mir und deiner Großtante, war schon sehr geprägt von der Idee auf Erziehung einfach vollkommen zu verzichten. Jedoch hatten Sie keine Vorbilder in ihrer eigenen Kindheit, die ihnen zeigten, wie man respektvoll und wertschätzend mit einem Kind umgeht und wie man Konflikte gewaltfrei löst. Deshalb sind deine Urgroßeltern wieder und wieder in Situationen geraten, die die alten Muster ihrer eigenen Erziehung hervorgebracht haben. Für mich war dies damals hin und wieder erniedrigend und mit sehr viel Schmerz verbunden. Ich hatte jedoch das Glück, dass deine Urgroßmutter sich dieses Schmerzes sehr bewusst war, da sie ihn aus ihrer eigenen Kindheit sehr gut kannte. So konnte sie mir vieles erklären und sich bei Bedarf sogar für ihr Verhalten entschuldigen, zum Beispiel, wenn sie mich angeschrien hat. Ich habe dann verstanden, dass meine Mutter nicht immer richtig gehandelt hat. Aber sie war immer bemüht Lösungen zu finden, die jenseits von Erziehung lagen. Aus der Erniedrigung gewisser Konfliktsituationen entstand dann jedoch meine Wut. Die Wut resultiert also aus diesen Handlungen, die aus Überforderung und Hilflosigkeit entstehen. Als dein Vater geboren wurde trug ich einen Teil dieser Wut noch immer in mir. Ich hatte gute Vorbilder und bin schon größtenteils ohne Erziehung aufgewachsen, aber auch ich habe hin und wieder in alten Mustern gehandelt. Das ist der Grund, warum auch dein Vater heute noch manchmal wütend ist.

Die aus der Erziehung entstandene Wut wurde über Jahrhunderte von Generation zu Generation weitergegeben. Deine Urgroßmutter hat den Kreis durchbrochen und viele Dinge hinterfragt. Sie hat sich entschieden ohne Erziehung zu leben, die Umsetzung dieser Entscheidung war jedoch nicht einfach in einer Zeit in der die meisten Kinder noch erzogen wurden. Es war ein wichtiger Schritt den Kreis zu durchbrechen. Doch so, wie die Wut und die unverarbeiteten Erziehungserlebnisse aus der Kindheit über die Generationen weitervererbt wurden, so braucht es auch wieder mehrere Generationen, um diese vollständig aufzulösen. Ich trug schon sehr viel weniger Wut mit mir herum, als deine Urgroßeltern. Dein Vater wiederum weniger als ich. Und so geht es weiter, bis die Wut irgendwann fast vollständig verschwunden ist und die Menschen mit sich viel mehr im Reinen sind.“

Das ist alles ganz schön verwirrend. Papa ist also manchmal wütend, weil er von seinen eigenen Eltern angeschrien wurde, als er noch ein Kind war. Seine Eltern wussten bereits, dass es bessere Wege gibt Konflikte zu lösen, aber weil sie selbst als Kinder solche Situationen durchlebt haben, hatten Sie in Überforderungssituationen manchmal keine bessere Lösung parat.“

Ich bin beeindruckt. Das hast du ganz schön gut verstanden. Ich sagte ja bereits zu Beginn unseres Gespräches, dass die ganze Sache mit der Erziehung ziemlich kompliziert ist. Wir können gerne weiter darüber sprechen, wenn du möchtest. Ich erzähle dir gerne mehr.“

Danke, Opa, dass du mir von der Wut und der Erziehung erzählt hast. Ich habe vieles verstanden, aber es ist auch eine komische Sache. Ich bin jetzt ganz schön müde und gehe jetzt erst mal schlafen. Gute Nacht, Opa“

Gute Nacht, meine Kleine. Bis morgen.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.