Bedürfnisorientiert zusammen leben – ein Definitionsversuch

Manch ein Leser wird sich jetzt vielleicht fragen, was das wohl für ein neumodischer Erziehungstrend sein soll, dabei geht es hierbei gar nicht um Methoden der Erziehung im ursprünglichen Sinne.

Es geht viel mehr darum eine Haltung einzunehmen. Es geht darum das Kind als vollwertigen, kompetenten Menschen zu sehen und es entsprechend zu behandeln und aus dieser Haltung heraus ein gleichwürdiges, von Respekt geprägtes Miteinander zu gestalten.

Und das bedeutet für mich…

…ganz viel Liebe und Annahme.

Es fängt mit uns selbst an. Können wir uns selbst lieben und annehmen, so, wie wir sind? Wenn ja, dann ist das eine gute Voraussetzung dies auch mit unseren Kindern zu tun und sie in der Sicherheit aufwachsen zu lassen, dass sie so, wie sie sind, gut sind. Da können wir meiner Meinung nach den Grundstein für Selbstliebe und Selbstvertrauen legen. Das bedeutet unter anderem auch sehr intensiv bei sich selbst hinzusehen und sich zunächst einmal mit seinen eigenen Gefühlen und Bedürfnissen zu verbinden. Klingt einfach. Ist es aber nicht.

…die Bedürfnisse aller Familienmitglieder in Einklang zu bringen.

In einer Familie gibt es viele, verschiedene Bedürfnisse. Alle Bedürfnisse sind wichtig und wollen gehört, gesehen und bestenfalls erfüllt werden. Bedürfnisorientierung bedeutet für mich auch, die Bedürfnisse, die hinter dem Verhalten eines Menschen liegen, zu erkennen und diese verstehen zu wollen. Dem liegt zugrunde, dass ich generell davon ausgehe, dass unsere Kinder uns mit ihrem Verhalten NICHT tyrannisieren wollen, uns ärgern wollen oder ihre „Grenzen testen“ wollen. Ich gehe davon aus, dass sie uns mit ihrem Verhalten eine Botschaft übermitteln wollen: „Ich fühle mich gerade nicht wohl“. Diese Botschaft kann gerade im Kleinkindalter oft noch nicht in Worte gefasst werden und äußert sich daher oft in „unerwünschtem Verhalten“. Dieses Verhalten nicht zu bewerten, zu kritisieren oder zu bestrafen ist mir wichtig. Zu erfahren, was der Grund für das Verhalten ist und das „Problem“ an der Wurzel zu packen mein Ziel.

Bedürfnisorientierte Elternschaft bedeutet nicht, dass mein Kind den lieben, langen Tag machen kann, was es will und dabei die Grenzen anderer Menschen ungeachtet übertreten darf. Und es bedeutet auch nicht, dass ich meine eigenen Bedürfnisse dabei ganz in Vergessenheit geraten lasse. Ich bringe zum Ausdruck, was mich stört und warum es mich stört, ich sage, was ich nicht möchte, ich lasse nicht zu, dass andere Menschen verletzt werden. Ich begleite mein Kind sehr eng und lebe ihm meine Werte in dem Vertrauen vor, dass es daraus lernen wird. Und JA, ich bin ein Mensch und deshalb gelingt mir das an vielen Tagen sehr gut, aber an manchen Tagen habe ich das Gefühl total zu versagen.

…Gefühlen Raum zu geben.

Alle Gefühle dürfen einfach da sein. Unsere Kinder sollen lernen, dass ihre Gefühle immer eine Berechtigung haben und wie sie gesund und achtsam mit ihren Gefühlen umgehen können. Ich setze hier auf einfühlsame Begleitung, Benennung von Gefühlen, wie zum Beispiel Wut und Trauer, damit mein Kind mehr und mehr zuordnen kann, was gerade in ihm vorgeht. Kinder sind mit der Vielzahl der geballten Emotionen, die sie, vor allen auch in der Autonomie-Phase (im Volksmund eher „Trotzphase“ genannt) durchleben, oftmals so überfordert, dass sie weder ein noch aus wissen. Sie brauchen beim Durchleben dieser Gefühle liebevolle Unterstützung und Bezugspersonen, die sie ernst nehmen und ihnen aufgrund ihres größeren Erfahrungsschatzes hilfreich zur Seite stehen.

…Grenzen zu wahren.

Kinder haben ein Recht darauf, dass ihre persönlichen Grenzen gewahrt werden. NEIN heißt NEIN. Auch ein Kind hat das Recht NEIN zu sagen und zum Beispiel über seinen Körper selbst zu bestimmen. Wenn Wünsche und Bedürfnisse stark voneinander abweichen ist es angebracht eine Lösung zu finden, die für alle passt und anstelle von unnötigen Machtkämpfen kann dann ein viel friedlicheres Zusammenleben stattfinden.

Aber Kinder brauchen doch Grenzen und Regeln!“ höre ich oft. Ich finde nicht, dass es viele Regeln braucht, um gut zusammenleben zu können. Die Regeln ergeben sich doch eher aus den persönlichen Grenzen jedes Einzelnen.

Ich finde es wichtig achtsam und freundlich miteinander umzugehen und sich nicht gegenseitig zu verletzen und ich finde es wichtig achtsam und sorgfältig mit Dingen umzugehen, vor allem, wenn sie uns selbst nicht gehören.

Ich denke Grenzen muss ich nicht setzen. Nicht aus Prinzip und auch nicht indem ich „strafe“. Grenzen sind einfach da, ganz natürlich. Ich glaube Kinder brauchen vertraute Erwachsene, die in erster Linie sich selbst gut abgrenzen können und in der Lage sind dann NEIN zu sagen, wenn sie auch wirklich NEIN meinen. Aus Überzeugung, sprich aus einer inneren Haltung heraus.

…ohne Strafen zu leben.

Ich bestrafe meine Kinder nicht. Ich will sie verstehen. Ich will wissen, was sie fühlen und denken und warum sie tun, was sie tun. Für mich schließt das automatisch aus, dass ich Kinder für ein Verhalten, dass ich selbst vielleicht als unangebracht wahrnehme, bestrafe. Es würde für mich nicht im Einklang sein mit der Haltung, die ich hier gerade zu erklären versuche. Strafen haben nichts mit Liebe und Annahme zu tun. Strafen beachten nicht die hinter dem Verhalten liegenden Bedürfnisse. Die Gefühle haben keinen Raum, wenn ich diese abstrafe. Auch die Grenzen der Kinder können unter Anwendung von Strafen oftmals nicht gewahrt werden. Strafen verbinde ich mit Machtausübung, Druck, Erniedrigung, Angst, Respektlosigkeit und Hilflosigkeit. Ich will Lösungen. Ich will Kontakt. Auf Augenhöhe. Als Strafender blicke ich von oben herab auf ein Kind, dass sich nicht wehren kann, weil es mir körperlich und geistig unterlegen ist. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es auch ohne Strafen geht. Es erfordert ein hohes Maß an Kreativität, Flexibilität und die Bereitschaft mit Kindern in echten Kontakt zu treten und sie als das wahrzunehmen, was sie wirklich sind: kleine Menschen.

Das sind für mich die Grundwerte eines bedürfnisorientierten Zusammenlebens und ich finde es klingt einfach nur total logisch und total schön. Es bedeutet Liebe und es bedeutet Freiheit. Es bedeutet mich frei zu machen von jeglichen Erziehungsmethoden. Mich frei zu machen von dem Gedanken, ich könne mein Kind zu „etwas“ machen. Mich frei zu machen und Beziehung zu leben und das ist einfach nur wundervoll.

Wann machst du dich frei?

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