Der Trommler

Heute Morgen schaute ich ein Video an und ich bekam Gänsehaut. Auch im späteren Verlauf des Vormittages, wenn ich an den jungen Mann in dem Video dachte, bekam ich Gänsehaut.

Im Film ging es um einen kleinen Jungen, dem es schwer fiel sich in der Schule auf den Stoff, der dort verinnerlicht werden sollte, zu konzentrieren. Doch sein „Konzentrationsproblem“ war nicht das Schlimmste. Er konnte es einfach nicht sein lassen mit seinen Händen auf den Tisch zu klopfen, was seine Lehrer vor eine große Herausforderung stellte. Ständig ermahnten sie ihn und wiesen ihn zurecht, er solle das Tischklopfen doch bitte sein lassen. Der Junge war verzweifelt. Er versteckte seine Hände unter seinem Po, um so den Impuls des Klopfens zu unterdrücken, doch das war nicht sehr lange hilfreich und so fing er wieder an zu trommeln. Es kam wieder und wieder dazu, dass die Lehrer ihn der Klasse verwiesen, ihn ausgrenzten, weil sein Trommeln den Unterricht und auch einige seiner Mitschüler störte. Der Junge wurde immer trauriger. „Was ist nur falsch mit mir? dachte er insgeheim. Eines Tages nahm einer seiner Lehrer sich die Zeit für ein 4-Augen-Gespräch und er fragte den Jungen, ob er nicht einmal das Schlagzeugspielen ausprobieren wolle? Gesagt, getan. Der Mann, der im Video rückblickend seine Geschichte erzählt, ist heute ein Mensch, der seine Leidenschaft zum Beruf gemacht hat und dieses Lebensgefühl strahlt er auch aus. Er hatte in zweifacher Hinsicht Glück. Zum einen handelte er aus einem tiefen, inneren Impuls heraus und obwohl man ihn zunächst glauben ließ, dass etwas daran falsch sei und dass er aufgrund seines störenden Verhaltens „falsch“ sei, er schaffte es einfach nicht diesen unglaublich starken Impuls zu unterdrücken. Und dann begegnete er diesem einen Menschen, der das Besondere in diesem Jungen sah und der sich nicht nur auf das störende Verhalten fokussierte, sondern sich die Mühe machte dahinter zu blicken und verstehen wollte, was den Jungen dazu brachte auf den Tischen zu trommeln. Was wäre passiert, wenn er sein unerwünschtes Verhalten zu diesem Zeitpunkt bereits unterbunden, den starken inneren Antrieb unterdrückt hätte?

Wenn ich an unsere Bildungseinrichtungen denke, dann wünsche ich mir genau solche Menschen, wie diesen Lehrer, für unsere Kinder. Menschen, die sich dem Kind annehmen und das Besondere in jedem einzelnen sehen wollen. Menschen, die hinter „auffälliges“ Verhalten blicken, anstatt es zu verurteilen, zu kategorisieren und schlimmstenfalls zu bestrafen. Menschen, die sich öffnen können für das Sein der Kinder und deren intrinsische Motivation die Dinge zu tun, für die sie sich begeistern können.

Wenn ich unterwegs bin, dann treffe ich immer wieder auf Menschen, welche die offene Arbeit in unseren Kindertageseinrichtungen (keine geschlossenen Gruppen, sondern die Möglichkeit sich seinen Interessen entsprechend zu beschäftigen, zu bilden und zu sein, wo man sich wohlfühlt) aufs Schärfste kritisieren. „Die Kinder müssen doch vorbereitet werden auf das richtige Leben, da kann man schließlich auch nicht den ganzen Tag lang machen, was man will.“

Aber was ist denn das richtige Leben?

Ein Leben, in dem man seinem inneren Drang, Dinge zu tun, die einen glücklich machen und erfüllen, folgen kann und bestenfalls dann damit auch noch etwas für seinen Lebensunterhalt verdienen kann. Ziemlich geil, oder? Hört sich voll richtig an für mich.

Wenn der Drang des Jungen nicht so groß gewesen wäre… wenn er sich hätte „anders machen lassen“, passender und wünschenswerter für dieses überdimensional große System… wenn der Lehrer nicht gewesen wäre… sein Blick auf die Dinge, seine Haltung gegenüber diesem Kind…

Was würde der Mann heute tun? Wäre er glücklich? Wäre das richtig?

 

Ein Gedanke zu “Der Trommler

  1. Susanne 💚

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