Ein Klaps auf den Po hat noch keinem geschadet – ein Aufruf zur Reflexion

Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“

So steht es im Gesetz. Punkt.

Dem gibt es eigentlich aus meiner Sicht nichts mehr hinzuzufügen und doch habe ich das dringende Bedürfnis meine Stimme zu erheben. Denn als ich die Frage, die Antenne Bayern kürzlich in einem Facebook-Post seinen Followern stellte, lese, schnürt es mir die Kehle zu. „Ist es in Ordnung, Kindern hin und wieder einen Klaps auf den Hintern zu verpassen?“. Ich lese die zahlreichen Kommentare aus den Reihen der Facebook-User und ich bin entsetzt, sprachlos. Denn: NEIN. Es ist überhaupt nicht in Ordnung. Und da gehen die Meinungen ganz offensichtlich sehr weit auseinander.

Susanne, STOP, hör auf zu lesen!“ Eine Stimme in mir schreit mich förmlich an. Denn es tut weh. Das Lesen. Die Palette an Gefühlen, die sich in meinem Brustkorb ausbreiten ist bunt und doch münden sie alle in einem dunklen Schwarzton. An erster Stelle ist da blankes Entsetzen und Hilflosigkeit. Und dann noch Wut. Traurigkeit. Resignation.

In was für einer Welt leben wir? Haben wir aus den Fehlern der Vergangenheit denn gar nichts gelernt? Wann hören wir endlich auf unsere Kinder zu Objekten zu machen?

Ich wünsche mir eine Welt in der Erwachsene Kinder endlich als das sehen, was sie wirklich sind. Menschen. Und wenn Antenne Bayern die Frage anders formuliert hätte und anstelle von einer verharmlosenden Beschönigung die Worte „Schläge“ oder „Gewalt“ gesetzt hätte und anstelle von „Kindern“ das Wort „Menschen“… was wäre dann gewesen? Hätte es dann auch diese zahlreichen Legitimationsversuche gegeben?

Unsere Kinder brauchen unseren Schutz. Unser Mitgefühl. Sie wollen ernst genommen werden und in ihren Gefühlen und Bedürfnissen gesehen und gehört. Ja, das ist manchmal mehr als schwer. Denn hin und wieder bringen Kinder genau diese Gefühle und Bedürfnisse in Form eines Verhaltens zum Ausdruck, das gesellschaftlich eher unerwünscht ist. Aber auch wenn es „unerwünscht“ ist, so hat es doch seine absolute Berechtigung. Unsere Kinder haben noch nicht gelernt mit bestimmten Emotionen „gesellschaftsfähig“ umzugehen. Das kann man nachlesen. Gehirn- und Entwicklungsforschung und so. Kinder äußern Wut und Frust und Traurigkeit auf eine Art, wie es viele erwachsene Menschen nicht mehr können, weil sie es im Laufe ihres Lebens verlernt haben oder weil es ihnen aberzogen wurde. Kinder lassen ihren Gefühlen einfach freien Lauf. Und das tut manchmal weh. Uns Erwachsenen. Das Hinsehen. Das Hinhören. Das Aushalten. Es tut weh. Diese Emotionen, wie Frust und Wut, zu regulieren und andere Möglichkeiten zu finden mit diesen umzugehen, das können Kinder im Kleinkindalter zunächst noch nicht. Aus rein entwicklungstechnischer Sicht können sie es noch nicht. Aber es gibt Hoffnung. Sie können es lernen. Von verantwortungsvollen Erwachsenen.

Wir müssen uns also die Frage stellen „Wollen wir unsere Kinder im Umgang mit ihren Gefühlen (die meiner Meinung nach immer eine Berechtigung haben, man kann es nicht oft genug erwähnen) bestärken, also ihnen das Gefühl vermitteln, dass ihre Gefühle da sein dürfen (auch wenn sie sich in Form von Motzen, Weinen, Schreien, Schlagen, Gegenständen werfen usw. äußern)und unsere Kinder mit ihren Gefühlen und auch mit der Art und Weise, wie diese zum Ausdruck kommen gut und richtig sind? Oder wollen wir ihnen durch die Ausübung von Gewalt beibringen, dass

  1. Gewalt in Ordnung ist

  2. sie ihren engsten Bezugspersonen nicht vertrauen können, da Vertrauen zerstört wird, wenn Gewalt ausgeübt wird und das betrifft nicht nur das Vertrauen gegenüber anderen Menschen sondern vor allem auch das Selbstvertrauen

  3. wir sie nicht sehen und hören, wenn sie ein Bedürfnis äußern und

  4. es nicht in Ordnung ist, dass „negative“ Gefühle überhaupt vorhanden sind und dadurch das Gefühl vermitteln, dass unsere Kinder nicht in Ordnung, nicht gut und nicht richtig sind.

Der Teufelskreis von Gewalt kann unterbrochen werden. Hier. Jetzt.

Versetzen wir uns in ein kleines Kind oder in einen erwachsenen Menschen, der Gewalt erfährt. Wie könnte sich das anfühlen? Und wenn wir wirklich in Verbindung zu unseren eigenen Gefühlen gehen und uns vorstellen, wie ein kleiner Mensch, der von Menschen, die ihn lieben und die er liebt, geschlagen wird, sich fühlt. Können wir dann wirklich noch guten Gewissens sagen „Ein Klaps auf den Po hat noch keinem geschadet“?

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