Ein Meister im Geben

Warum fällt es uns innerhalb zwischenmenschlicher Beziehungen manchmal schwer etwas von uns zu geben? Liebe, Trost, Aufmerksamkeit, Verständnis, Nähe? Die Liste ließe sich fortsetzen. Hat es etwas damit zu tun, dass wir manche Dinge selbst nicht ausreichend bekommen haben? Dass wir bedürftig sind? Und dass da, wo noch eigene Bedürfnisse ungestillt sind, sprich wir nicht ausreichend genährt sind, selbstverständlich die gleichen Bedürfnisse anderer Menschen erst mal nicht leicht zu stillen sind.

Ich kann Liebe geben, wenn ich selbst Liebe empfangen habe. Wenn ich weiß, wie es sich anfühlt geliebt zu werden. Wenn liebevoll mit mir umgegangen wird. Wenn ich umarmt werde. Wenn ich durch liebevolle Augen gesehen und durch liebevolle Ohren gehört werde.

Ich kann Trost spenden, wenn ich selbst getröstet wurde. Wenn ich lernen darf, dass es in Ordnung ist traurig zu sein oder zu weinen. Wenn ich erfahre, dass da jemand ist, der mir gut zuspricht oder mich in den Arm nimmt.

Ich kann anderen meine ungeteilte Aufmerksamkeit schenken, wenn ich erfahren habe, dass da jemand aufmerksam ist für meine Anliegen, meine Bedürfnisse und Wünsche, die Worte, die ich zu sagen habe. Wenn ich erfahre, dass mir Menschen mit einem ernsthaften und tiefen Interesse begegnen.

Ich kann Verständnis entgegenbringen, wenn ich verständnisvoll behandelt wurde. Da reicht oft schon der Versuch allein, das Verstehen-wollen, das Hinterfragen, das sich Öffnen für einen anderen Blickwinkel.

Ich kann Nähe geben, wenn ich selbst Nähe empfangen habe aus einem tiefsten Inneren heraus, einfach so, ohne eine Gegenleistung zu verlangen.

All meine Erfahrungen kann ich weitergeben und teilen, um die Bedürfnisse anderer Menschen zu stillen. Wenn meine eigenen Bedürfnisse gestillt sind. Bedürfnisse, die nicht gestillt wurden (oft in der frühen Kindheit) werden immer wieder da sein.

Ich kann jedoch auch den Kreis durchbrechen. Wut und Aggression sind immer wieder Anzeichen für unerfüllte Bedürfnisse. Ich kann hinsehen bei mir selbst und mich fragen, welches Bedürfnis noch nicht gestillt ist und versuchen Wege zu finden, wie ich meine ungestillten Bedürfnisse befriedigen kann. Und dann bin ich genährt. Und wenn ich zunächst einmal gut für mich selbst gesorgt habe, dann kann ich dies auch für Andere tun. Da sein. Lieben und Trösten. Hinsehen und Zuhören. Wenn der Kreis erst einmal durchbrochen ist, Muster hinterfragt, Verhaltensweisen durchleuchtet, dann ist da ein Raum für ein Geben und Nehmen, ohne Erwartung, ohne Druck, einfach aus einer inneren Motivation heraus, aus einem Genährt-sein heraus. Und diesen Gedanken finde ich sehr schön.

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