Ich, du, wir – eine Generation bricht aus

 Im Gespräch mit einer Mitfünfzigerin stand plötzlich eine Frage im Raum: „Was haben wir bloß alle falsch gemacht, dass unsere Kinder zu Psychologen rennen?“ Eine Frage, die viel Schuldgefühl und Selbstvorwurf zu enthalten scheint.

  Ihr – die Generation „Kriegsenkel“. Oftmals geprägt durch eine Erziehung, wie sie liebloser kaum gewesen sein könnte. Eure Eltern, die in den vielen Jahren des Krieges und des Naziregimes Schlimmes gesehen und erlebt haben. Kinder des Krieges, die sich nichts sehnlicher wünschten, als dass es ihre eigenen Kinder einmal besser haben sollten und es ihnen an nichts fehlen sollte. Dabei blieben leider viel zu oft die Grundbedürfnisse der kleinen Menschen auf der Strecke, weil man übereifrig damit beschäftigt war für diese ein besseres Leben, eine bessere Welt zu schaffen. Werte, wie Liebe, Verständnis und Achtung mussten hinten anstehen. Arbeit, Fleiß und ein sauber geputztes Haus – das waren die Tugenden und Vorzeigegüter dieser Zeit. Als Grundlage für das Leben mit Kindern dienten unterbewusst vielleicht noch immer die an den Nationalsozialismus eng angelehnten Erziehungsratgeber seinerzeit. Zucht, Reinlichkeit und Unterwerfung – die Grundzüge des damaligen Erziehungsideals. Eine Zeit in der die Jüngsten per Kinderlandverschickung zur „Erholung“ weit weg gebracht wurden und wochenlang ohne jedweden Kontakt zu Eltern und Geschwistern verweilen mussten. Kinder wurden gezüchtigt und hatten sich unterzuordnen. Hier blieb nur wenig Raum zur freien Entfaltung, unbeschwerten Entwicklung und der Möglichkeit sich selbst, als einen wertvollen Menschen zu sehen und anzunehmen. Ich glaube, dass dies die Geburtsstunde unseres ewigen Perfektionismus war, der sich durch die Generationen zieht, wie ein roter Faden durch eine Geschichte und – meiner Meinung nach – heute an seinem Höhepunkt angekommen ist.

 Denn WIR sind die Generation derer, die ausbrechen wollen. Ausbrechen aus veralteten, teilweise noch immer stark durch den Nationalsozialismus geprägten, Verhaltensregeln und Glaubenssätzen. Selbstfindung, Selbsterkenntnis und Selbstreflexion – das sind die Begriffe unserer Zeit. Wir wollen achtsamer sein, besser zu uns selbst. Wir hinterfragen und „graben“ dabei nicht nur in unserer eigenen Vergangenheit, sondern auch in der unserer Eltern und Großeltern. Hattet ihr eine schöne Kindheit? Welche Werte und Glaubensmuster haben euer Leben maßgeblich geprägt? Warum seid ihr die Menschen geworden, die ihr heute seid oder die ihr bis zu eurem Tode wart?

Was eure Eltern an euch und ihr an uns, teils bewusst größtenteils jedoch unterbewusst, weitergegeben habt ist sicherlich nicht allzeit leicht auf unseren Schultern zu tragen. Aber es ist unser Vermächtnis und wir haben erkannt, dass wir selbst dafür verantwortlich sind, wie wir damit umgehen. Und deshalb rennen wir zu Psychologen, Heilern, Gesundheitsberatern und anderen Menschen, von denen wir das Gefühl haben, sie können uns dabei helfen etwas mehr Licht ins Dunkel zu bringen. Wir besuchen Achtsamkeitstrainings, nehmen Yogaunterricht und schreiben über unsere Gedanken und Gefühle in Form von Internetblogs. Das sind WIR. IHR habt nichts falsch gemacht. Ihr habt immer euer bestmögliches gegeben. Vielleicht habt ihr an manchen Stellen ein wenig „zu wenig“ hinterfragt und genau daraus ist unser Bedürfnis danach entstanden dies verstärkt zu tun.

Ein Gedanke zu “Ich, du, wir – eine Generation bricht aus

  1. sehr guter text. hast es geschafft, in einer kuerze darzustellen mit fuer mich neuen ansaetzen (woher die ideale kommen)! lg, E

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