2081 – Von der Wut und der Erziehung

Wir schreiben das Jahr 2081. An einem lauen Sommerabend sitzt ein Mann mit seiner Enkeltochter auf den warmen Stufen der Steintreppe eines Mehrgenerationenhauses, in dem die Beiden wohnen.

Opa, ich möchte dich etwas fragen?“

Ich beantworte dir gerne jede Frage, meine Kleine, so gut ich es kann!“

Opa, weißt du, warum Papa manchmal so wütend ist?“

Das ist keine leichte Frage und um sie zu beantworten brauche ich etwas Zeit. Es ist schon spät. Wann gehst du heute schlafen?“

Ich gehe schlafen, wenn ich müde bin, Opa.“

Und bist du denn schon müde?“

Ein wenig. Ich würde gerne noch deine Antwort hören und mich hinlegen, wenn wir unsere Unterhaltung beendet haben.“

Einverstanden. Wo soll ich anfangen…? Vor langer Zeit gab es die Erziehung.“

Erziehung? Was ist das?“

Ich versuche es mal so zu erklären, dass du es gut verstehen kannst. Das ist gar nicht so einfach. Als deine Eltern und davor deren Eltern noch Kinder waren, da wurden diese noch nicht als kompetente Menschen gesehen, denen man auf Augenhöhe begegnen wollte, sondern viel mehr als unfertige Wesen, die man formen und biegen muss, damit sie einmal wertvolle Mitglieder der Gesellschaft werden. Um dieses Ziel zu erreichen haben die Erwachsenen die Kinder erzogen.“ Weiterlesen…

Vom Grenzen setzen und Grenzen wahren

Im Zusammenhang mit Kindern werden Grenzen leicht überschritten und aus gegebenem Anlass möchte ich dazu mal ein paar Beispiele anbringen:

  • die Mutter, die ihr Kind unter Anwendung körperlicher Gewalt im Buggy anschnallt (Schuldig im Sinne der Anklage. Ist mir mal passiert)

  • ein Mann auf dem Spielplatz, der einen fremden Jungen viel zu feste am Arm packt und ihn lauthals schreiend zurecht weist, weil er im Begriff war seinem Sohn einen Ball an den Kopf zu werfen (nicht, dass es in Ordnung wäre dies zu tun, aber so etwas kommt im Falle eines Konfliktes zwischen Kindern schon mal vor)

  • Kinder, die in entsprechenden Einrichtungen zum Aufessen oder Probieren von Lebensmitteln, die sie nicht mögen, gezwungen werden

  • die Krankenhausmitarbeiter, die ein 5-jähriges Mädchen gegen dessen Willen und unter ängstlichem und schier verzweifeltem Geschrei und massiver körperlicher Gegenwehr festhalten, um es zu narkotisieren

Ich finde, dass in diesen Beispielen massive Grenzüberschreitungen dargestellt werden. Ich finde, dass man niemanden gegen seinen Willen festhalten darf oder zu etwas zwingen darf, was er ganz, ganz offensichtlich überhaupt nicht möchte, es sei denn es ist Gefahr in Verzug (ein Kind will über eine Straße laufen). Ich finde, dass Kinder uns Erwachsenen viel zu oft und viel zu heftig machtlos gegenüber stehen und oftmals keine Chance haben ihren Bedürfnissen Ausdruck zu verleihen. Und ich finde, dass das NEIN der Kinder genauso wertvoll sein sollte, wie das der Erwachsenen. Schließlich sind wir alle Menschen. Klein und Groß haben die gleichen Rechte. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Und deshalb hier noch einmal der Vergleich.

  • Wenn mein Partner ohne Helm Fahrrad fahren will, ziehe ich ihm selbigen dann unter Anwendung körperlicher Gewalt an (mal angenommen ich wäre stärker, als er)?

  • Wenn ein Erwachsener im Operationssaal verzweifelt und panisch STOP ruft und sagt „Bitte hören Sie auf, ich möchte das nicht.“ Würde ein Arzt ihn dennoch in Narkose versetzen und um diesen Zustand zu erreichen Gewalt anwenden?

Ich finde die Sachlage ist eindeutig.

Doch was können wir stattdessen tun, um die Grenzen unserer Kinder zu wahren?

  • Das Kind noch ein paar Meter laufen lassen… den Buggy selbst schieben lassen… tragen… nach Möglichkeit miteinander sprechen und heraus finden, warum es nicht im Buggy sitzen möchte. Wenn die Zeit es zulässt (soll heißen, dass es Situationen gibt, wo man selbst sehr unter Druck steht und ad-hoc vielleicht keine gute Lösung parat hat)

  • In den Konflikt einschreiten und verbal klären, was eigentlich los ist… vermitteln… darauf hinweisen, dass man etwas nicht möchte…

  • Kinder selbst entscheiden lassen, was sie essen möchten und was nicht… immer wieder unbeliebte und neue Lebensmittel anbieten… Vorbild sein

  • versuchen das Kind zu beruhigen… trösten… Angst nehmen… die Eltern dazu rufen… den Vorgang abbrechen

Ich glaube, dass die Grenzen unserer Kinder alltäglich überschritten werden. Innerhalb von Familie, Freundeskreis, in Kindertageseinrichtungen, Schulen, Krankenhäusern. Manchmal ist oder erscheint es notwendig, aber ich finde wir sollten hierfür ein Bewusstsein schaffen. Die Grenzen sind da und die Kinder machen uns diese in der Regel sehr deutlich.

Überall höre ich den Satz: „Wir müssen Kindern Grenzen setzen!“. Wie sollen unsere Kinder lernen ihre eigenen Grenzen zu erkennen und die Grenzen anderer Menschen zu wahren, wenn diese immer wieder so selbstverständlich überschritten werden?

Stolperstein oder Wegweiser

 

Manchmal geraten wir im Leben in Situationen, die uns herausfordern kreativ zu sein und Lösungen zu finden.

Zunächst erscheint eine solche Situation vielleicht aussichtslos und wir sind bedrückt darüber, dass „es“ nicht rund läuft. Wir fragen uns, warum uns gewisse Dinge widerfahren und das Leben uns mit diesen Herausforderungen konfrontiert. Für mich ist dies bereits der Moment, wo wir die Chance haben von einer niedergeschlagenen Haltung in eine Vertrauensvolle zu wechseln. Das Grübeln und die negativen Gedanken anhalten. Annehmen, was ist und was wir ohnehin meist nicht beeinflussen können. Loslassen, woran wir gerade noch festhalten. Vertrauen, dass nichts ohne Grund geschieht und jede schwierige Aufgabe, die das Leben uns stellt uns eigentlich die Möglichkeit bietet zu wachsen.

Ich sage mir dann „Stopp. Die Situation ist blöd, aber ich nehme jetzt alles so an, wie es ist. Es soll so sein. Ich werde eine Lösung finden. Ich lasse jetzt los und vertraue darauf, dass sich alles zum Guten hin wenden wird. “

Da ist dann plötzlich Raum für Entwicklung und Erkenntnis. Die Erkenntnis, dass wir schon viel zu lange an etwas festgehalten haben, nicht mehr offen waren für die Möglichkeiten, die da sonst noch sind und dann festzustellen, dass wir auf dem Weg hin zu einer Lösung des „Problems“ über uns hinaus gewachsen sind und uns entwickeln konnten.

Und dann gehen wir gestärkt und stolz aus entsprechenden Situationen hervor, mit erhobenem Haupt und einem Lächeln im Gesicht. Keine Spur mehr der Niedergeschlagenheit. Die negativen Gedanken, wie weggeblasen.

Was uns also zunächst, wie ein Stolperstein vorgekommen ist, entpuppt sich am Ende eher als eine Art Wegweiser. Ein Ansporn auch mal nach links zu schauen oder nach rechts auszuweichen. Offen zu werden für neue Wege, neue Möglichkeiten und dankbar zu sein, dass wir die Chance genutzt haben mal wieder etwas dazu zu lernen.