Von starken Müttern und schwachen Momenten

Es geht hier um starke Frauen, Mütter, die bereit sind ganz viel von sich zu geben, nämlich täglich ihr Bestes, damit es den Kindern gut geht und das Familienleben gelingt. Und es geht um die Momente, wo eben diese starken Mütter so erschöpft sind, dass ihr Leben, ihr Alltag, sich einfach nur noch anstrengend anfühlt. Und es geht um Verurteilung und Bewertung.

Hanne. Mittdreißigerin. Eine Mutter, die täglich ihr bestes gibt, schreibt:

Neulich habe ich in einem Buch von Nora Imlau über gefühlsstarke Kinder gelesen. Laut Definition sind hiermit Kinder gemeint, die jedes ihrer Gefühle sehr extrem empfinden und entsprechend nach außen tragen. Nora beschreibt den Alltag mit einem gefühlsstarken Kind als eine hochemotionale Achterbahnfahrt mit atemberaubenden Loopings und genau so empfinde ich es auch. In der Vergangenheit habe ich öfter die Beschreibung „ich bewege mich tagtäglich auf einem Tretminenfeld und jeder Schritt könnte die nächste Explosion auslösen“ benutzt. Das Ding mit der Achterbahn gefällt mir jedoch besser, hört sich irgendwie lustiger an.

Es ist nicht leicht mein gefühlsstarkes Kind zu begleiten, aber ich gebe jeden Tag mein Bestes. An manchen Tagen gelingt es mir mehr, an anderen weniger. Ich möchte meinem Kind auf Augenhöhe begegnen, bedürfnisorientiert erziehen und immer dann, wenn es mir gelingt, die Mutter zu sein, die ich sein möchte, dann gelingt auch die Beziehung zu meinem Kind und es entsteht ein sogenannter „Flow“. Anstrengend sind die inneren Kämpfe, die ich oftmals aufgrund eigener frühkindlicher Prägungen aushalten muss. Noch anstrengender wird es, wenn kritische Stimmen aus Freundeskreis und Familie laut werden und bei mir dadurch starke Schuldgefühle ausgelöst werden. Dann hilft nur eins: den Fokus umlenken und den Blick nach innen richten. Und dann sind alle anderen erst einmal egal, denn es geht darum, einen Weg zu finden, wie wir als Familie gut zusammen leben können.“

Charlotte. 45 Jahre. Eine andere Mutter, die jeden Tag ihr bestes gibt:

Ich habe drei tolle Kinder und führe ein glückliches Leben mit meiner Familie. Als ich mein erstes Kind bekam und später, während der zweiten Schwangerschaft und nach der Geburt meines zweiten Kindes, habe ich oft von anderen Müttern gehört, wie anstrengend und kräftezehrend sie das Leben als Mutter und das Zusammensein mit ihren Kindern empfinden. Ich habe das nie verstanden und wenn ich ehrlich bin, habe ich diese anderen Mütter verurteilt. Ich kannte diese Art von Anstrengung mit meinen beiden Jungs nicht. Sie waren von Anfang an gute Schläfer und zufriedene Kinder und der Familienalltag war meistens sehr entspannt und alles lief irgendwie rund. Dann wurde meine Tochter geboren und unser Leben veränderte sich schlagartig. Sie weinte sehr viel und in ihren ersten beiden Lebensjahren brachte sie uns Nacht für Nacht um den Schlaf. Sie ist charakterlich einfach viel lebhafter, bedürfnisstärker und fordernder, als meine beiden Großen. Ich war als Mutter auf völlig andere Art und Weise gefordert, als zuvor und bin sowohl psychisch, als auch physisch an bisher ungeahnte Grenzen gestoßen. Es gab in den vergangenen Jahren einige Tage, an denen ich am liebsten gar nicht erst aufgestanden wäre.

Meine beiden Jungs waren sogenannte „Anfängerbabys“. Ich liebe meine Tochter und sie bringt mich mit ihrer aufgeweckten, wilden Art oft zum Schmunzeln. Wenn ich an die Mütter von damals denke, tut es mir leid, dass ich sie verurteilt habe. Egal wie, es sollte viel mehr Solidarität unter Müttern geben. Wenn wir uns verständnisvoll und wertfrei begegnen und uns gegenseitig Mut zusprechen, dann ist in der ein oder anderen schwierigen Situation sicherlich schon sehr geholfen.“

Marie. Noch so eine Mutter, die jeden Tag ihr bestes gibt:

Ich hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben Mutter zu werden. Mit Mitte Dreißig trennte ich mich von meinem langjährigen Partner und die Frage, ob da wieder jemand in mein Leben treten wird, damit es mit der Familienplanung klappt, drängte sich in den Vordergrund. Ich fing an meine innere Uhr ticken zu hören.

Dann lernte ich Paul kennen und schnell stellten wir fest, dass wir wohl füreinander bestimmt zu sein schienen. Nach kurzer Zeit wurde ich schwanger und Lara wurde geboren.

In meiner Tick-Tack-Phase, wie ich sie heute manchmal scherzhaft nenne, habe ich meine Freundinnen oft beneidet. Eine nach der Anderen wurde schwanger. Sie bekamen ihre Babys. Für sie alle erfüllte sich der Wunsch, den ich bereits seit so langer Zeit hegte und der für mich zunächst in ferne Zukunft gerückt war. Oftmals waren die Gespräche mit meinen jungen Mutter-Freundinnen für mich nur schwer auszuhalten, da sie auch von den schwierigen Situationen mit ihren Kindern und als Mama erzählten und ich dann oft den Gedanken hatte, dass sie dankbarer sein müssten. Hatten sie doch alles, was ich mir so sehr wünschte.

Kurz nach Lara´s Geburt verstand ich. Sie war ein Schreibaby und ich hatte oft das Gefühl ihrem starken Bedürfnis nach Nähe nicht gerecht werden zu können. Es waren anstrengende erste Monate bis sich so halbwegs eine Routine einstellte und das Schreien weniger wurde.

In diesen „schwierigen“ ersten Monaten mit Lara war ich diejenige, die in Gesprächen mit Freundinnen von Anstrengung und Erschöpfung sprach und dann hatte ich manchmal ein schlechtes Gewissen. Auf jeden Fall habe ich gelernt, dass man nie urteilen sollte, wenn man nicht in den Schuhen des anderen steckt und dafür bin ich sehr dankbar.

 

Ich bin ich und ich habe meine Geschichte. Mein Kind ist mein Kind und unsere Beziehung, unser Zusammenleben ist sowohl geprägt von unseren Geschichten, als auch von unserem Wesen, einzigartig, so wie jeder von uns.

Wenn du nicht mich kennst und meine Geschichte und nicht meinen Weg gegangen bist, in meinen Schuhen und die Erfahrungen gemacht hast, die ich machen durfte, dann urteile nicht über mich.

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